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Berit Seiger Cronfalk


Berit Seiger Cronfalk ist examinierte Krankenschwester, Dozentin und Lektorin an der Ersta Sköndal Bräcke-Hochschule sowie verbunden mit dem NVS-Institut (Institut für Neurobiologie, Pflegewissenschaft und Gesellschaftswissenschaften) am Karolinska-Institut.

Berit erhielt ihren Titel als Doktorin der Medizin im Jahr 2008 mit der Abhandlung “Being in safe hands. The experiences of soft tissue massage as a complement in palliative care. Intervention studies concerning patients, relatives and nursing staff” am Institut für Onkologie-Pathologie des Karolinska-Institutes.

Berit widmet sich der Forschung, hält Vorlesungen und arbeitet klinisch mit Berührung und sanfter Massage; darüber hinaus hat sie einige Buchkapitel verfasst und ein Buch zum Thema geschrieben: “Massage och beröring - inspiration för Äldreomsorgen” (Gothia, 2017) / Massage und Berührung – Inspiration für die Altenpflege.

Die Wichtigkeit der Berührung für eine verbesserte Schlafqualität bei Demenz


Empfinden Menschen mit Demenzerkrankungen oder kognitiven Einschränkungen ihren Körper anders als andere?
– Manche Menschen können ihren Körper und Berührungen des Körpers mitunter als unangenehm empfinden. In solchen Fällen ist es wichtig, dass das Pflegepersonal Informationen darüber erhält, wie die Person früher ihr Leben gelebt hat und welche Gewohnheiten und Traditionen sie hat. Hier ist die Lebensgeschichte ein Schlüssel zum Verstehen der Person, denn beispielsweise können frühere Erlebnisse, wie Übergriffe, Gewalt, Folter oder Krankheitszustände, negativen Einfluss auf das Empfinden von Berührungen haben. Die Herausforderung besteht darin, sich Menschen mit großem Respekt zu nähern, und hellhörig dafür zu sein, ob Berührungen überhaupt im Rahmen des Möglichen sind.

Was versteht man unter Berührung und sanfter Massage?
– Leichte Berührung und sanfte Massage sind Methoden, bei denen bewusst Berührungen mit weichen aber bestimmten, strukturierten Bewegungen ausgeübt werden, und zwar in Form von Streicheln, kreisförmigen Bewegungen und leichtem Druck. Die Massage kann an einzelnen Körperteilen ausgeübt werden, beispielsweise an den Händen, Füßen, am Rücken oder am Kopf, aber auch als Ganzkörpermassage. Das Ziel ist es, das Wohlbefinden zu verbessern, guten Schlaf zu fördern und verschiedene Symptome zu lindern.

Gibt es Beweise dafür, dass sich Berührung oder sanfte Massage positiv auf den Schlaf auswirken?
– Ja, mittlerweile gibt es Studien, die die Beweislage dafür verstärken, dass Berührung und sanfte Massage den Nachtschlaf verbessern. Das Bedürfnis nach menschlicher Nähe, Wärme und Körperkontakt ist bei den meisten älteren Menschen groß. Durch Berührung und sanfte Massage wird unter anderem die Freisetzung von Wohlfühlhormon oder Kuschelhormon aktiviert, was dem Körper zu Entspannung verhilft. Zum Beispiel kann eine Fußmassage beim Zubettgehen zu einem besseren Nachtschlaf beitragen.

Kann eine Gewichtsdecke dieselben Effekte hervorrufen wie eine sanfte Massage?
– Das kann man so sagen, denn Gewichtsdecken stimulieren die Rezeptoren in der Haut auf ähnliche Weise, da sie durch ihren Druck beispielsweise Wohlfühlhormon oder Kuschelhormon freisetzen. Eine Gewichtsdecke vermittelt Geborgenheit und Ruhe, wodurch sich Unruhezustände, Gefühle von Unsicherheit sowie Stress positiv beeinflussen lassen.

Haben Berührung und sanfte Massage einen positiven Einfluss auf die Schlafqualität von Menschen mit Demenzkrankheiten?
– Es ist schwierig, die Schlafqualität von Menschen mit Demenzerkrankungen zu erforschen. Wir wissen, dass Berührung und sanfte Massage das Wohlfühlhormon oder Kuschelhormon aktivieren. Wohlfühlhormon oder Kuschelhormon trägt dazu bei, dass man sich entspannt und leichter einschläft, aber inwieweit die eigentliche Schlafqualität beeinflusst wird, ist bisher noch unbekannt.

Welche Faktoren können den Schlaf negativ beeinflussen?
– Verschiedene Symptome wie Stress, Schmerzen, Verstopfung, Unruhe und Angst können den Schlaf beeinflussen. Mittlerweile sind jedoch in verschiedenen Krankheitsbereichen starke Beweise dafür erbracht worden, dass Berührung und sanfte Massage sich positiv auf diese Symptome auswirken können. Es gibt unter anderem Studien, die eine Reduzierung der Menge des Stresshormons Cortisol nach einer sanften Massagebehandlung gezeigt haben. Verschiedene Personen haben angegeben, dass sie weniger Schmerzen hatten und ihre Unruhe und Angstgefühle gelindert wurden. Diese Ergebnisse sollten sich auch auf Menschen mit Demenzerkrankungen übertragen lassen.

Was sollte man hinsichtlich der Umgebung von Menschen mit Demenzerkrankungen bedenken, inbesondere auch in Bezug auf mögliche Einflüsse auf den Schlaf?
– Die Umgebung sollte ruhig, friedlich und geräuscharm sein. Man sollte eine Routine beim Zubettgehen einführen, z. B. können langsames Streicheln des Rückens oder das Eincremen der Füße für Geborgenheit und Beruhigung sorgen. Es ist auch wichtig, dass das Zimmer, wenn möglich, gut gelüftet ist, um die Chancen auf guten Nachtschlaf zu erhöhen.

Können Angehörige von Personen mit Demenzerkrankungen durch Berührung und sanfte Massage Hilfe erfahren?
– Die Situation von Angehörigen ist oft sehr schwer, und es ist nicht ungewöhnlich, dass auch sie unter schlechtem Schlaf, mit mehreren Unterbrechungen pro Nacht, leiden. Die Angehörigen, ebenso wie die demenzkranke Person, können beispielsweise sanfte Massagen als hilfreich gegen Stress und Schlafprobleme empfinden, und eine Steigerung ihres Wohlbefindens erleben.

Was müssen wir über das Gehirn wissen um zu verstehen, was passiert, wenn man Berührungen und sanfte Massage erhält?
– Um zu verstehen, was passiert, wenn man berührt wird, müssen wir mehr über das Gehirn wissen. Das Gehirn besteht aus verschiedenen Schichten, den so genannten Funktionsebenen, die jeweils ganz eigene Funktionen haben. Die äußerste Schicht, die Großhirnrinde, reguliert unsere intelektuellen Funktionen, unsere Fähigkeit, Informationen zu interpretieren und auszuwerten, sowie unser Auffassungsvermögen. Unter der Großhirnrinde liegt das limbische System, welches zur Aufgabe hat, unsere emotionalen Impulse und Gefühle sowie unsere Erinnerungen und unser Lernvermögen zu regulieren. Die dritte Ebene ist der Hirnstamm, der unsere grundlegenden Lebensfunktionen und unser Reaktionsvermögen steuert, und die vierte Ebene ist das Rückenmark, die Schaltstelle, die empfangene Signale – etwa durch Berührung – ans Gehirn weitersendet.

Was geschieht im Gehirn, wenn man berührt wird?
– Heute besitzen wir gute Kenntnisse über die Vorgängen im Gehirn die in Folge einer Berührung vonstattengehen. Beispielsweise wissen wir, Wohlfühlhormon oder Kuschelhormon in den Nervenzellen des Hypothalamus gebildet und als Hormon in den Blutkreislauf freigesetzt wird, wenn die Haut berührt wird. Wohlfühlhormon oder Kuschelhormon fungiert auch als Botenstoff mittels der Nervenzellen, die das Wohlfühlhormon oder Kuschelhormon im Gehirn produzieren und mittels der so genannten Diffusion (ausgießen, verstreuen, ausbreiten) zwischen Nervenzellen in verschiedenen Hirnbereichen. Wohlfühlhormon oder Kuschelhormon hat positive Auswirkungen auf unter anderem den Blutdruck und den Puls und trägt dazu bei, dass man sich entspannt, was wiederum den Schlaf positiv beeinflusst. Durch neurophysiologische Forschungen hat man sogar bestimmte Nervenfasern identifizieren können, die bei leichter Berührung der Haut aktiviert werden – die so genannten C-taktilen Fasern. Studien zeigen, dass die C-taktilen Fasern eine wichtige Rolle dabei spielen, wie wir Menschen bei Berührung Wohlbehagen erleben und empfinden.

Hat Wohlfühlhormon oder Kuschelhormon noch andere Effekte?
– Die Freisetzung von Wohlfühlhormon oder Kuschelhormon beeinflusst auch die Serotoninfreisetzung positiv. Serotonin reguliert unter anderem unsere Stimmungslage. Auch Dopamin, das unsere motorischen Bewegungen und unser Belohungssystem steuert, wird von der Wohlfühlhormon oder Kuschelhormon freisetzung positiv beeinflusst. Des Weiteren wird die Freisetzung von Acetylcholin beeinflusst, welches unter anderem die Aktivität des Magen-Darm-Traktes reguliert. Berührungen haben also einen Einfluss auf die Aktivitäten des Magen-Darm-Traktes und auf die Freisetzung von Verdauungshormonen. Guter Schlaf wird begünstigt, wenn eine Person z. B. eine gute Verdauung hat und sich glücklich fühlt, und das Gegenteil ist der Fall, wenn die Verdauung nicht klappt und man sich Sorgen macht.

Können Berührung und sanfte Massage bei Personen mit Demenzerkrankungen deren Schmerzen lindern und somit den Schlaf verbessern?
– Berührung und sanfte Massage wirken gut gegen Schmerzen. Bei älteren Menschen und Menschen mit Demenzerkrankungen kommen Schmerzen häufig vor, aber sind oft schwer zu diagnostizieren, und deshalb laut der Weltgesundheitsorganisation oft unterdiagnostiziert. Das kann daran liegen, dass diese Menschen ein verändertes Schmerzempfinden haben oder sich nicht ausdrücken können. Schmerzen können neben Schlafproblemen auch Unruhe und Verwirrung mit sich führen.

Können Nähe und Berührung sich positiv auf den Schlaf von Personen mit Demenzerkrankungen auswirken?
– Demenzerkrankungen werden oft als stressig empfunden, und es ist deshalb wichtig, durch menschliche Nähe und Berührung für Situationen zu sorgen, die von Geborgenheit, Zuversicht und Vertrauen geprägt sind. Eine vertrauensvolle Beziehung zu Personen mit Demenzerkrankungen aufzubauen, indem man ihnen beispielsweise mit sanften Berührungen über die Hand, den Arm oder den Rücken streichelt, kann für die nötige Entspannung sorgen, die für eine kleine Pause oder für den Nachtschlaf unentbehrlich ist.

Wie soll man sich beim Kontakt mit Personen in einem späten Stadium einer Demenzerkrankung verhalten, wenn man ihnen Berührungen und sanfte Massagen zukommen lässt?
– In den späten Stadien der Erkrankung kann Berührung ein wichtiges Kommunikationsmittel sein. Im Laufe des Fortschreitens der Demenzkrankheit verändert sich die Fähigkeit verbal zu kommunizieren. Berührungen und sanfte Massage können vom Personal mit langsamen Bewegungen ausgeführt werden, so dass sich für eine Weile Wohlbehagen und eine Linderung von Schmerzen, Unruhe und Stress einfinden. In der Summe kann man so bessere Voraussetzungen für guten Schlaf schaffen. Auch wenn es schwierig ist, sich generalisierend über die Wirkung von Berührung und Massage im späten Krankheitsverlauf auszusprechen, und trotz dürftiger Forschungslage in diesem Bereich, ist es wichtig, bei der Bewertung möglicher Effekte die Beobachtungen von Pflegepersonal in Betracht zu ziehen, die von positiver Wirkung zeugen.

Was wissen wir über die Bedeutung menschlicher Berührung in späten Stadien einer Demenzerkrankung?
– Allgemein ist es schwer, Aussagen darüber zu treffen, wie menschliche Berührung und Nähe im späten Stadium der Erkrankung empfunden werden. Es existiert jedoch Literatur, in der Berührung und Nähe als zwei der letzten Sinneserfahrungen beschrieben werden, die eine Person verlassen. Ein wichtiger Aspekt beim Ausüben von Berührungen in späten Stadien ist die Fähigkeit des Pflegepersonals oder des Therapeuten, hellhörig dafür zu sein, wie die Person auf Berührungen reagiert.

Wie häufig sollte man Berührungen oder sanfte Massagen zum Einsatz bringen um eine Wirkung zu erzielen?
– Dies ist ganz individuell; es gibt Studien, die von spürbarer Wirkung gleich nach einer einmaligen Behandlung berichten. Meiner Erfahrung nach bedarf es jedoch etwa drei bis vier Male sanfter Massage, z. B. der Füße, ehe man positive Effekte auf sowohl Schmerzen als auch den Schlaf feststellen kann. Wenn man, soweit möglich, regelmäßig, etwa ein bis zwei Mal pro Woche Berührungen wie Massage anbietet, kann dies dazu beitragen, dass der Patient im Laufe der Zei schon bei kleinsten Berührungen den so genannten Wohlfühlhormon oder Kuschelhormon-effekt erlebt, d. h. sich beruhigt (bei Aggressivität) oder bei Berühren der Füße einschläft.

Was sollte man beim ersten Termin bedenken?
– Lernen Sie die Person kennen, lesen Sie ihre Lebensgeschichte, Notizen in der Krankenakte und treffen Sie die Person. Hat die Person schon in der Vergangenheit Erfahrungen mit Berührungstherapie oder Massage gemacht; hat die Person lange alleine gelebt? Welche Bedürfnisse und Wünsche hat die Person – zeigen Sie sich respektvoll und rücksichtsvoll bei jedem Termin. Um sich eine Auffassung darüber zu bilden, wie die Person auf Berührungen reagiert, kann man sich beispielsweise während einer Unterhaltung nähern, indem man eine ihrer Hände berührt oder eine Hand auf ihren Arm legt, um zu sehen, ob die Person reagiert. Informieren Sie wiederholt darüber, warum Berührungen und Massage angeboten werden.

Was sollte man beim Kontakt mit Angehörigen bedenken?
– Die Angehörigen wünschen sich oft, dass ihre Lieben auf die beste denkbare Art und Weise umsorgt und gepflegt werden – reden Sie mit ihnen, um sich ein Bild vom Wesen der Person zu machen. Informieren Sie sie darüber, welche eventuellen Effekte man sich erhoffen kann. Geben Sie ihnen kontinuierlich Informationen darüber, wie die Person die Berührungen erlebt, und ob sich eventuell Verbesserungen hinsichtlich des Schlafens, der Schmerzen, des Wohlbefindens und der Kommunikation eingestellt haben.

Können Berührungen und sanfte Massage Angstzustände lindern?
– Angstzustände sind ein schweres Symptom, unter dem Personen mit Demenzerkrankungen leiden können, und das stark an unzureichenden Nachtschlaf und motorische Unruhe gekoppelt ist. Studien haben gezeigt, dass Handmassagen als Teil der Abendroutine effektiv Angstzustände lindern und besseren Nachtschlaf begünstigen.

Können die Berührungen und die sanfte Massage von beliebigen Personen ausgeführt werden?
– Verschiedene Studien zeigen, dass Patienten in anderen Krankheitsgruppen es als weniger wichtig ansehen, wer die Massage ausführt – das Wichtigste ist, dass die Person/der Therapeut kompetent und feinfühlig ist. Wenn es um Personen mit Demenzkrankheiten geht, kann es dahingegen von ganz entscheidender Bedeutung sein, wer sie berührt und sanft massiert. Eine vertraute und vertrauensvolle Beziehung zu der Person, die die Massage ausübt, kann gänzlich darüber entscheiden ob der an Demenz leidende Mensch die Berührung erlaubt oder nicht. Das Maß an Fingerspitzengefühl, Hellhörigkeit und Anpassungsfähigkeit beim Personal oder dem Therapeuten sind ausschlaggebend dafür, wie sich die Begegnung gestaltet.

Möchten alle berührt werden?
– Nein, allen liegt es nicht, mehr berührt zu werden als unbedingt nötig, um beispielsweise die tägliche Körperpflege sicherzustellen. Es geht darum, die persönlichen Wünsche aller Individuen zu respektieren und ihre persönliche Integrität nicht zu verletzen, unabhängig davon, wo im Verlauf der Krankheit sie sich befinden.